Nach jedem ungeschriebenen Wort bin ich talentlos.
Nach jeder schlechten Note dumm.
Nach jeder gescheiterten Beziehung unliebbar.
Nach jedem Streit zickig.
Jedesmal bin ich gescheitert,
Maßlos, hingefallen und liegen geblieben mit der festen Überzeugung das ich all das bin, dass mein Versagen nur Spiegel meiner Persönlichkeit ist,
aufzeigt wer ich wirklich bin;
eine talentlose, dumme, unliebbare Zicke.
„Oh Schatz nein… das bist du doch nicht…du bist doch so talentiert, schlau, liebenswert und emphatisch!“
Schüttet es mir von außen über den Kopf.
„Na Stimmt, wenn die das sagen“ höre ich mich denken.
So hab ich mein Selbstbewusstsein aus den Karten anderer gebaut.
Genau so stabil war‘s dann auch; mein Kartenhaus.
Beim meinem nächsten Scheitern lag es wieder am Boden, genau neben mir und meinem zertrümmerten Selbstvertrauen.
Von selber bin ich selten aufgestanden, Hilfe zwar immer abgelehnt: man ist ja stark, emanzipiert und unabhängig. Hab die Hilfe dann aber wie vor 10 Jahren heimlich aus der versteckten Keksdose stibitzt.
Jedesmal war Scheitern Zeugnis meiner Unfähigkeit, nie hab ich erwogen das Scheitern normal sei.
In meinem eigenen Strafgesetzbuch wird Scheitern am höchsten bestraft.
Glänzen musst du, lückenloses Talent zeigen, wortgewandt sein, argumentieren können, schlagfertig daher kommen.
Aber kann ich das jetzt weil ich es mir vorschreibe ?
Warum steh ich jetzt wohl hier? Weil ich mich an meine Gesetze gehalten habe, wie es sich eben für korrekte deutsche StaatsbürgerInnen gehört?
Nein, weil ich angefangen habe aufzustehen & mein Scheitern mal betrachtet habe.
Weil meine Trennungsgeschichte jetzt aus mehr besteht als „es war echt eine tolle Zeit aber irgendwann hat es einfach nicht mehr so richtig gepasst zwischen uns“
Sondern nach und nach auch aus dem ekligen Mittelteil, den man wie den stinkenden
Bad - Mülleimer dann doch lieber ignoriert. Wie beim Bad - Mülleimer riecht der Mittelteil auch nach einer Woche nicht besser.
Dieser Mittelteil ist unangenehm, du machst dich verletzlich. Aber damit am stärksten.
Das ganze Internet sprudelt nur so von, hinfallen, aufstehen, Krone richten weiter gehen.
Von schlimmen Zeiten die noch exponentieller als Corona positiv geworden sind .
Da gibt es kein mit Scham beklecksten Mittelteil.
Logisch frag ich mich: „Warum klappt das bei mir nicht? Warum sitzt meine Krone immer noch nicht?“
Ich bin Schuld. Ich muss schuld sein.
Und so fangen wir dann an anderen nicht von unserem Mittelteil zu erzählen.
Alle erzähle wir Erfolgsstorys, dass es dann ja doch geklappt hat, dass es dann ja doch die richtige Entscheidung, der richtige Weg war.
Alle haben wir es ja schon gelernt. Die Anleitung schon dreimal gelesen.
Damit kleben wir nicht nur uns selbst sondern auch anderen den Mund zu.
Wer will den da noch zugeben das er grad so richtig verkackt hat bevor er ans Ziel kam ?
So entfremden wir uns schneller als Lehrer bis drei zählen können.
Und unsere Einsamkeit? Ja, die wächst wie Löwenzahn bei Zuviel Regen.
Wir bauen uns unser eigenes kleines prunkvolles Schloss, aber einsam sitzen wir darin.
„Hey du, lad mich doch mal ein auf eine Tasse Verletzlichkeit.“
Denn ist das nicht der wichtigste Teil, der Mittelteil?
Der Teil, der uns in die Knie bringt, zweifeln, überdenken, Hoffnung verlieren lässt.
Der Teil, auf dessen Weg wir uns verzweifelt fragen wo denn jetzt der Ausgang ist, wann das Leben endlich wieder beginnt.
Dabei ist es doch ein Prozess, das Leben.
Was bringt es uns wie getriebene Tiere dem „einen großen Ziel“ hinter her zu jagen obwohl das Leben nicht in der Zukunft spielt.
Mit 40 musst du keine Früchte ernten und angekommen sein.
Mit 25 nicht dem Chef den lückenlosen Lebenslauf präsentieren.
Mit 16 nicht deinen ersten Kuss gehabt haben.
Du wirst Früchte ernten, sie fallen lassen sie wieder aufheben, du wirst küssen wen, was wo und wann du willst,
Lebensläufe wie Emmentaler präsentieren & wissen, dass du mehr bist als dieses Stück Papier.
Du brauchst dich nicht schämen für das was du noch nicht hast, für das was du verbockt hast.
Jeder umgeknickten Fuß, jede Abfuhr, jedes vertroffene Tor, jede Jobabsage definiert nicht dich, deinen Charakter, dein Talent deine Intelligenz, dein Können, dich.
Du wächst mit jedem verletzten Fuß und Herz, jeder 6 auf der Klausur.
Aber in welche Richtung entscheidest du.