00:13; Moskau

Eine Tasse Kaffe klirrt. Der Klang schwarzer Lackschuhe auf nacktem Marmorboden erreicht die derzeit mächtigsten Ohren der Welt. Türen öffnen sich. Waffen werden entsichert. Sie schauen auf.
Lächeln sie ? Bildet sich Schweiß auf ihrer Stirn, Schwindel in Ihrem Kopf? Überkommt sie Unsicherheit? Was geht in Ihnen vor?
Bei dem Gedanken an das, was sie tun werden, sind sie sich sicher, dass sie damit ihr Ziel erreichen? Glauben Sie wirklich daran?

Glauben Sie so fest an ihr Ziel, dass sie Völkern ihre Identität absprechen?
Glauben Sie so fest daran, dass Sie bereit sind, einen Atomkrieg zu tolerieren?
Glauben Sie daran, während Ihre Panzer abseits von Völkerrecht und Grenzen Leben überrollen?
Glauben sie an die Zukunft ihres Gedankens, trotz Tausender, die die Straße gelb und blau färben? Sagen Sie mir, glauben Sie daran?


23:13 ; Kiew

Eine Fensterscheibe klirrt, ein dumpfes Knallen folgt kurz danach. Sie hört zu, wie ein weiteres Haus in die Knie geht. Sofort werden Türen verriegelt, Waffen nachgeladen.
In ihren Augen spiegeln sich alle Sorgen der Welt. Früher fiel sie immer auf, mit ihren goldblonden Haaren. Inzwischen sind sie grauer als die Trümmer ihres ehemaligen Zuhauses.
Ihre Tante meinte mal: „Wird die Welt grau, wirst du grau Yulia.“
Sie drückt ihren schweißnassen Rücken an die Wand, spürt dort die kalte Ernsthaftigkeit des Betons.
Ihre Brust wird von einem kleinen Jungen gewärmt. „Mama, warum feiern wir nicht mein Geburtstag?“
Quengelt sein seichtes Stimmlein an ihr schweißnasses Ohr.
Sie richtet sich gerade, während sich ein undefinierbares Lächeln auf ihrem Gesicht formiert.
Die Soldaten vor der Tür könnten nicht strammer stehen. Schicksale nicht bracher liegen.
Was zur Hölle sagt sie jetzt?
Dass Luftschutzbunker eigentlich der Korridor zum Tod sind? Dass in Luftschutzbunkern niemand mehr Geburtstag hat ?

22:13 ; Berlin

Ein Wasserkocher pfeift. Die beruhigende Melodie von John Lennon’s „Imagine“ liegt mir im Ohr. Mein Kopf dröhnt, trotz der Aspirin, die ich vorhin eingeworfen hatte. Wie ich diesen Geschmack hasse, dass sich da die Rezeptur noch nicht geändert hat.

„Wie oft pro Woche darf ich eigentlich Gesichtsmasken nutzen?“ frage ich mich und hole die Verpackung aus dem Müll. „Zwei bis drei Mal“, sagt die. Mhm, also frühestens Sonntag wieder.
Ich lebe Alltag, war gestern für den Frieden in der Ukraine demonstrieren, habe gespendet, für Schicksale.

Würde ich mein Zimmer für Frieden teilen?
Würde ich mehr zahlen, für sie unbequemer leben?
Wie viel würde ich aufgeben für die Zukunft Fremder?
Ab welcher Unannehmlichkeit endet Solidarität?

23:14 ; Kiew

Ein Wohntrakt wird getroffen. 13 Menschen sterben, darunter eine Mutter und ihr 4-jähriger Sohn.

23:14 ; Moskau

Putin trinkt Kaffee. Es ruft nach Zucker.

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